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Vorsorge ist keine Kür: Die Gasspeicher und das kurze Gedächtnis

Die deutschen Gasspeicher waren Anfang September zu rund 54 Prozent gefüllt. Ein Jahr zuvor waren es 71 Prozent. So niedrig war der Stand zu diesem Zeitpunkt noch nie, seit die Füllstände vor fünfzehn Jahren erfasst werden. Gleichzeitig liegt der Gaspreis am Handelsplatz Amsterdam bei rund 79 Euro je Megawattstunde – vor der Blockade der Straße von Hormus im März waren es unter 32 Euro. Beide Zahlen für sich genommen sind unangenehm. Zusammen ergeben sie ein Problem, das man kommen sah. Ich will mit dem Naheliegenden anfangen: Speicher sind eine Versicherung. Man schließt sie ab, bevor es brennt, und man zahlt die Prämie in Zeiten, in denen nichts passiert. Genau das ist ihr Zweck. Wer erst einspeichert, wenn die Knappheit da ist, kauft die Versicherung während des Brandes – und zahlt entsprechend. Die Rechnung dahinter ist keine Prognose, sondern Arithmetik. Die Initiative Energien Speichern hat sie aufgemacht: Für einen normalen Winter braucht es zum 1. November etwa 77 Prozent, dann reicht der Puffer bis zum Frühjahr. Bei extremer Kälte reicht er nicht – an einzelnen Januartagen entstünde eine Lücke von über 25 Prozent. Wir starten also mit einem Polster, das bei durchschnittlichem Wetter knapp trägt und bei einem kalten Januar nicht. Warum ist so wenig eingespeichert worden? Hier liegt der Teil, über den es sich zu streiten lohnt. Es war nicht Nachlässigkeit einzelner Unternehmen. Es war die vorhersehbare Folge davon, wie die Anreize gesetzt waren. Bis Ende 2025 gab es die Gasspeicherumlage; sie hat die Kosten der Befüllung auf alle Verbraucher verteilt. Sie wurde zum 1. Januar 2026 abgeschafft – aus nachvollziehbaren Gründen, sie belastete die Preise. Zugleich wurden die Füllvorgaben flexibilisiert: In Deutschland gelten 80 Prozent je Anlage, auf EU-Ebene ein aufgeweichtes Ziel mit Spielraum von zehn bis fünfzehn Prozentpunkten. Und dann kam der Markt und sagte: Lohnt sich nicht. Wenn kurzfristiges Gas teurer ist als die Lieferung im Winter, verliert jeder Geld, der jetzt einspeichert. Für ein einzelnes Unternehmen ist es betriebswirtschaftlich richtig, es zu lassen. Für ein Land ist das Ergebnis falsch. Das ist der Klassiker unter den Marktversagen: Versorgungssicherheit ist ein Gemeingut, für das niemand einzeln bezahlen will. Wer die Umlage streicht, die Vorgaben lockert und dann auf den Markt vertraut, bekommt keine vollen Speicher. Er bekommt genau das, was wir jetzt sehen. Das war kein unglücklicher Zufall, sondern eine Entscheidung mit absehbarer Folge. Was der Krieg damit zu tun hat – und was nicht Seit März passiert kaum noch ein Tanker die Straße von Hormus. Rund ein Fünftel des weltweiten LNG-Handels läuft normalerweise durch diese Meerenge, allein Katar liefert etwa 19 Prozent der globalen LNG-Exporte. QatarEnergy hat die höhere Gewalt bis Mitte Oktober verlängert. Dazu kommt ein längerer Ausfall des norwegischen Feldes Ormen Lange. Das ist ein echter Schock, und niemand hat den Krieg in seiner Speicherplanung vorhergesehen. Aber: Der Schock begann im März. Die Einspeicherzeit läuft von April bis Oktober. Es gab also sechs Monate, in denen die Lage bekannt war. Die Speicher sind nicht leer, weil uns etwas überrascht hat, sondern weil wir nach der Überraschung weitergemacht haben wie zuvor. Dass mit Covestro ein Chemieunternehmen inzwischen offen von einem „gewissen Risiko" für die Versorgung über den Winter spricht, ist bemerkenswert. Unternehmen dieser Größe formulieren solche Sätze nicht leichtfertig. Was ich daraus mitnehme Drei Dinge, und keines davon ist neu: Erstens: Versorgungssicherheit kostet Geld, auch wenn nichts passiert. Diese Kosten sind der Preis der Vorsorge, nicht ihr Scheitern. Eine Umlage abzuschaffen, ohne den Beitrag zur Befüllung anders zu organisieren, verschiebt die Kosten nur – vom Sommer in den Winter, und dann meist mit Aufschlag. Zweitens: Wenn der Markt in einer sicherheitsrelevanten Frage systematisch das Falsche belohnt, muss man den Rahmen ändern, nicht auf Einsicht hoffen. Ausschreibungen für strategische Mengen, Absicherung des Preisrisikos, verbindliche Zwischenstände statt eines Zielwerts am 1. November – die Instrumente liegen auf dem Tisch und sind seit 2022 diskutiert. Drittens, und das ist der unbequeme Teil: Jede Kilowattstunde Wärme, die nicht aus Gas kommt, macht diese Debatte kleiner. Fast jede zweite Wohnung in Deutschland heizt mit Gas. Solange das so bleibt, führen wir dieses Gespräch jeden August erneut. Für diesen Winter ändert das nichts mehr. Für die kommenden entscheidet es alles. Der Winter wird wahrscheinlich gut ausgehen. Ein milder Januar, eine Einigung am Golf, ein paar zusätzliche LNG-Ladungen – und im Frühjahr redet niemand mehr darüber. Genau das ist das Muster. Wir kommen durch, ziehen keine Lehre, und beim nächsten Mal fangen wir wieder bei der gleichen Frage an. Meine Frage an Sie: Halten Sie verbindliche Füllvorgaben mit staatlicher Absicherung des Preisrisikos für den richtigen Weg – oder sollte der Staat sich aus der Speicherbewirtschaftung heraushalten und stattdessen konsequent den Gasbedarf senken? Quellen • ZDF: Historisch niedriger Füllstand – wird das Gas diesen Winter knapp? (8. September 2026) https://www.zdfheute.de/wirtschaft/gasspeicher-fuellstand… • Initiative Energien Speichern (INES), Gas-Szenarien September 2026, zitiert nach: https://www.drweb.de/gasspeicher-zu-53-prozent-reicht-das… • Cleanthinking: Gasspeicher-Füllstand und Gasreserve 2026, mit Quellenlage zu GasSpFüllstV, EU-Ziel und Gasspeicherumlage https://www.cleanthinking.de/gasreserve-gasspeicher-2026/ • Technik + Einkauf: Folgen des Irankriegs für LNG-Versorgung und Gaspreis (März 2026) https://www.technik-einkauf.de/energiebeschaffung/explodi… • Handelsblatt, Catiana Krapp und Bert Fröndhoff: Recherche zur Gasversorgung im Winter, darin die zitierte Einschätzung von Covestro
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